Jede Minute!

Jede Minute!

Die Klientin steht vor meiner Praxistür. Ich sehe durch die Glasscheiben eine zarte Frau mit angestrengter Mimik in straffer Körperhaltung. Sie sieht gut aus. Allerdings scheint sie etwas zu mager zu sein.

Als ich die Tür öffne, wandelt sich der Gesichtsausdruck in ein scheues Lächeln. Ich begrüße sie mit einem freundlichen Hallo!

Coach: Hallo, herzlich willkommen! Treten Sie näher! Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?

Klientin: Ja, danke, Frau Lönne. Die Fahrt war ganz okay, kein Stau, und das Navi hat mich auch gleich richtig geführt!

Coach: Wunderbar! Suchen Sie sich gern den Sessel aus, der Ihnen am meisten zusagt!

Vor einem Fenster steht ein großzügiger Tisch, davor zwei bequeme Sessel nebeneinander(!). Sie stehen absichtlich nebeneinander, um den Klienten die Möglichkeit zu geben, in die Ferne schauen zu können und nicht ständig mein Gesicht ansehen zu müssen. Ich überlasse den Klienten auch die Wahl des Sessels, rechts oder links, damit sie ihre Lieblingsseite wählen können. Außerdem hat das den Effekt, dass das Setting sich auch für mich immer mal wieder ändert und damit spannend bleibt.

Die Klientin setzt sich auf den linken Sessel, zupft nervös an ihrer Jacke und rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her. 

Coach: Ist der Sessel okay für Sie? Oder möchten Sie lieber einen anderen?

Klientin: Nein, nein! Vielen Dank! Alles in Ordnung! 

Wie auf Kommando sitzt sie starr und steif.

Coach: Möchten Sie gern etwas trinken? Vielleicht ein Wasser, mit oder ohne Sprudel? Wenn man so weit fährt, hat man ja vielleicht etwas Durst?

Klientin winkt ab: Jetzt nicht!

Coach: Okay, sagen Sie jederzeit gern Bescheid, wenn Ihnen etwas fehlt!

Klientin nickt.

Coach: Sie sprachen am Telefon von Überlastung, Problemen im Job. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?

Klientin: Ich bin Führungskraft in einem großen Unternehmen und trage viel Verantwortung im Rahmen der Digitalisierung und Neuaufstellung meiner Abteilung.

Sie nickt mit dem Kopf um ihre Aussage noch zu unterstreichen.

Coach: Wow, das stelle ich mir sehr spannend vor…!

Klientin mit einem fast verächtlichen Blick: Spannend? Das ist mehr als spannend, das ist eigentlich gar nicht zu bewältigen. Die guten Leute laufen weg, die anderen müssen dableiben, und mit denen muss ich dann auch noch den Umbruch bewältigen. Das ist alles zu viel!

Coach: Was genau ist zu viel? Zu viel Arbeit, zu viel Umbruch, zu viel Digitalisierung, zu viel Verantwortung?

Klientin sackt auf einmal ein bisschen in sich zusammen, legt die Handtasche weg, die sie immer noch auf ihrem Schoß hatte, und seufzt. 

Klientin: Es ist alles zu viel!

Coach: Wie kann ich mir das vorstellen? Ich möchte ihr Problem nachfühlen! Ist es privat oder beruflich?

Klientin schüttelt den Kopf: Beides! Ich fühl‘ mich immer so müde. Und wenn ich nach Hause komme, fängt die Arbeit erst an.

Coach: Welche Arbeit fängt dann an?

Klientin: …die, die ich im Büro nicht geschafft habe, also mails lesen, beantworten, Netzwerke bedienen etc…

Coach: Sie arbeiten also zu Hause weiter?

Klientin: Ja! Klar, muss ich doch!

Coach: Wer sagt das?

Klientin: Keiner! Aber wenn ich es nicht mache, tut es keiner!

Coach: Haben Sie keine Kollegen oder Assistenten, die Ihnen zuarbeiten?

Klientin: Ja, aber…man weiß ja nie!

Coach: Was weiß man nicht?

Klientin, fast etwas ungehalten: Ob die einen Fehler machen, dann kann ich’s gleich selber erledigen!

Coach: Oah, Sie machen keine Fehler?

Klientin wird rot, schaut weg, und murmelt: Eigentlich nicht!

Coach: „Eigentlich“ heißt also doch mal?

Klientin windet sich: Ja, vielleicht mal, wenn überhaupt!

Coach: Hundertprozentig arbeiten geht nicht! Das ist unrealistisch! Wir sind Menschen! Und Menschen sind menschlich und machen Fehler! Das ist doch ganz normal? Oder?

Klientin: Ja, wenn Sie es so sehen.

Coach: …und Menschen dürfen(!) Fehler machen!

Klientin: Ja, okay!

Coach: Darf ich diese Aussage bei Ihnen testen? Es gibt einen Test, mit dem ich feststellen kann, was Ihr Unterbewusstsein zu Ihrer Aussage meint! 

ERKLÄRUNG: „Beim Myostatiktest bildet der Coachee zwischen Daumen und Zeigefinger einen festen Muskelring, der beim Test durch den Coach mit maximaler Kraft gehalten wird. Manchmal testet der Coach auch die Kombinationen Daumen/Mittelfinger oder  Daumen/Ringfinger – je nach dem Grundkraftniveau, das der Proband aufbringen kann. wingwave-Coaches nutzen diesen Test als „Kompass“ im Coaching-Prozess für zwei wesentliche Anliegen:

  • Das Auffinden von Stressoren, welche die mentale/emotionale Balance  des Coachee stören/irritieren
  • Die Überprüfung der Wirksamkeit von angewandten Interventionen zur Verbesserung und Anregung von stabilisierenden emotionalen und mentalen Prozessen.

Überwiegend zeigt ein schwacher Muskeltest mentalen Stress, ein starker Muskeltest hingegen mentale Ressourcen und emotionale Sicherheit an.“ 

Ich erkläre der Klientin den Test. Wir stellen fest, dass die Aussage „Menschen dürfen Fehler machen“ sie schwächt. Wir forschen weiter nach dem Ereignis und den Emotionen, die das ausgelöst haben und finden Angst, Hilflosigkeit, Schuld, Verantwortung aus den ersten Schultagen. Wir bearbeiten die Emotionen mit wingwave und, siehe da, die Klientin lebt auf.

Coach: Wie geht es Ihnen jetzt, nachdem wir die Fehler machenden Menschen bearbeitet haben?

Klientin nickt: Gut!

Coach: Mit anderen Worten, es ist okay, wenn Sie oder ein anderer mal einen Fehler machen?

Klientin: Ja, doch, ja!

Coach: Das heißt wiederum, Sie können die Arbeit, die für Sie zu viel ist, ab sofort delegieren?

Klientin: Oh, das weiß ich nicht!

Coach: Dann testen wir wieder!

Der Test zeigt, die Aussage ist okay, sie kann die Arbeit delegieren!

Coach: Toll, was machen Sie den jetzt mit der freien Zeit und den angefangenen Abenden?

Klientin: Ach, ich hab‘ ja auch noch soviel im Haushalt zu tun!

Coach: Oh, was denn zum Beispiel?

Klientin lächelnd: Ja, wissen Sie, mein Sohn ist immer am Wochenende bei uns und dann bringt er soviel Wäsche zum Waschen und vor allen Dingen zum Bügeln mit…

Coach: Was? Ah, Hotel Mama?! Wie alt ist Ihr Sohn denn?

Klientin strahlt und erzählt mit Stolz: 28 Jahre alt, und sehr erfolgreich!

Coach schmunzelnd: Vor allen Dingen bei seiner Mutter! 

Klientin: Der Junge hat so viel zu tun und einfach keine Zeit zum Waschen!

Coach: …aber die Mama, die hat ja nichts anderes zu tun, als in ihrer Freizeit für den erwachsenen Sohn zu waschen und zu bügeln? Was sagt eigentlich Ihr Mann dazu?

Klientin reißt die Augen auf und weicht etwas zurück: Öh, ach so, mein Mann, nein, der hat noch nie etwas dazu gesagt.

Coach: Wieviel Zeit verbringen Sie denn mit Ihrem Mann? Denn das Waschen und Bügeln kostet Sie ja wahrscheinlich auch Zeit, die Sie mit Ihrem Mann verbringen könnten? Wie viel Zeit haben Sie eigentlich für sich ganz allein, so ganz genüsslich?

Klientin wirkt verwirrt.

Coach tritt an das Whiteboard und zeichnet einen Kreis.

Coach: Schauen Sie einmal. Dieser Kreis ist ein ganzer Tag, das sind 24 Stunden.

Jetzt sagen Sie mir einmal, wie lang schlafen Sie nachts?

Klientin: So grob gesagt, 5-6 Stunden. Ich gehe halt spät ins Bett.

Coach trägt auf dem Kreis 6 Stunden ein und kommentiert: Besser wären 7-8 Stunden!

Coach: Wie lange arbeiten Sie im Durchschnitt?

Klientin: 8 Stunden mindestens plus Fahrt jeweils 45 Minuten ohne Stau, so ungefähr!

Coach: Okay tragen wir 10 Stunden für das berufliche Zeitfenster ein. Bleiben noch 8 Stunden. Wie sehen die aus?

Klientin überlegt: Morgens Dusche, Frühstück 1,5 Std., abends kurz einkaufen vielleicht, Abendessen 1,5 Std.

Coach: Bleiben noch 5 Stunden pro Tag übrig! Wo sind die 5 Stunden? Wieviel Zeit verbringen Sie mit Ihrem Mann? Wieviel Zeit mit sich selbst? Jeden Tag?

Klientin starrt auf den Kreis: Ich weiß es nicht!

Coach: Sie werden es herausfinden! Legen Sie sich ein persönliches Zeitprofil an und achten Sie auf „vertane Zeit“! Denken Sie immer daran: Keine Stunde, keine Minute können wir je in unserem Leben wiederholen! Auch nicht die Minute, in der wir zwei hier gerade zusammensitzen! Sorgen Sie für sich! Machen Sie aus jeder Minute, jeder Stunde, das, was SIE wirklich, wirklich (!) wollen.

Was meinen Sie, das wäre doch jetzt auch eine gute Gelegenheit, Ihrem Sohn die Chance zu geben, erwachsen zu werden? Es gibt bestimmt in seinem Umfeld in der City Wäschereien, die ihm gern die Wäsche erledigen, perfekt gebügelt und gestärkt ;- )

Klientin schaut in die Ferne, überlegt und sagt: Ja!

Coach: Darf ich eben testen? Was wir bis hier zusammen erarbeitet haben, ist alles okay!

Der Test hält! Die Ergebnisse sind positiv angekommen.

Coach testet: Wir sind jetzt fertig!

Test fällt schwach aus, also noch nicht fertig!

Coach testet weiter: Da ist noch etwas zu bearbeiten – beruflich / privat! Privat testet schwach. Weiter geht der Test: Das Thema steckt in der Familie, im Freundeskreis, in der Partnerschaft! Partnerschaft testet schwach! Da ist Stress bei ihrem Mann! Nein, testet stark! Der Stress liegt bei ihr.

Weiter wird bei ihr getestet: Der Stress kommt aus der Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit! Es ist ein Ereignis in der Vergangenheit, in der Pubertät, das wieder durch aufflammende Emotionen in der Gegenwart angetriggert wurde. Es geht um eine verschmähte Beziehung in jungen Jahren. Wir ermitteln und bearbeiten die Emotionen Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Das Ursprungsereignis der Emotionen von heute liegt allerdings in der Gegenwart, wird ebenfalls per Test ermittelt und ist das immer wiederkehrende Phänomen von Langeweile und Desinteresse, das sich in die Beziehung mit ihrem Mann eingeschlichen hat, beide ständig quält. 

Klientin ist stumm.

Coach: Kann es sein, dass Sie eventuell in der letzten Zeit wenig Interesse und Energie für Ihren Mann hatten?

Klientin nickt.

Coach: Möchten Sie das ändern?

Klientin nickt wieder.

Coach: Sie haben ja auch schon damit angefangen. Wenn ich daran denke, was wir heute bearbeitet haben, können Sie Ihre private Zeit komplett neu gestalten.

Klientin lächelt: Ja, das ist richtig! 

Sie schweigt und scheint mit sich zu ringen. Dann fragt sie: Frau Lönne, können Sie mir einen Rat geben, wie ich wieder attraktiver für meinen Mann werde?

Coach: So wie Sie jetzt schon lächeln, sind Sie einfach umwerfend schön! Ihr Mann wird begeistert sein.

Klientin strahlt.

Coach: Und es gibt in der Tat nicht nur einen, sondern viele tolle Ratschläge in einem speziellen Buch einer amerikanischen Therapeutin, die mit ihrer Erfahrung aus über 90 Lebensjahren und mit ca. 40 Jahren Praxis immer noch als Sexualtherapeutin arbeitet und dabei Lebensfreude ohne Ende versprüht! Ich sende Ihnen den Link! Sie werden begeistert sein!

Klientin schmunzelt, ihre Augen glänzen: Das hört sich richtig gut an!

Coach: Schließen Sie einmal die Augen und sehen Sie das als Bild, das Sie jetzt gerade in diesem Augenblick gefühlt haben. Gehen Sie noch einmal in dieses herrliche Gefühl hinein und genießen Sie es mit allen Sinnen! Machen Sie nun die Augen wieder auf und folgen Sie meinen Fingerkuppen.

Coach zeichnet vor den weit geöffneten Augen der Klientin ein Riesen – Z, ganz langsam und vorsichtig, und lässt sie dann einmal tief ein- und ausatmen. 

Klientin sitzt ganz still und entspannt.

Coach: Na, Frau XY, wie fühlt sich das an?

Klientin schaut Coach an: Ja, wunderbar! Danke!

Coach: Nehmen Sie dieses schöne Gefühl und bringen Sie es Ihrem Mann mit nach Hause!

Klientin: Ja, das mache ich.

Sie strahlt!

Comments are closed.